Wut-Stress-Parcours
Ziel: Jugendliche sollen dabei unterstützt werden, ihre individuellen Fähigkeiten und Ressourcen im Umgang mit Stress und/oder Wut bewusst wahrzunehmen und aktiv auszubauen. Zudem lernen sie konstruktive Alternativen und Bewältigungsstrategien anderer Jugendlicher kennen und können diese in einem sicheren Umfeld diskutieren.
Behandeltes Thema: Prävention von Mobbing und Gewalt; Stressbewältigung und Entspannung
Relevanz für die psychische Gesundheit: Die Adoleszenz ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung der Emotionsregulation – der Fähigkeit, intensive emotionale Zustände zu erkennen und konstruktiv damit umzugehen. Wiederholte Konfrontation mit bewältigbarem Stress, gefolgt von angeleiteter Reflexion, baut genau diese Fähigkeit auf und stärkt die Resilienz gegenüber Angst, Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten.
Beabsichtigte Veränderung: Die Teilnehmenden verlassen den Wut-Stress-Parcours mit einer stärkeren Fähigkeit, ihre eigenen emotionalen und körperlichen Stressreaktionen zu erkennen, Frustration ohne sofortiges Reaktionsverhalten zu ertragen und darüber nachzudenken, was sie ausgelöst hat und welche Alternativen es gibt.
Kontext der Pilotumsetzung
Diese Aktivität wurde im Rahmen einer Pilotmaßnahme durchgeführt, die innerhalb des MEET-Projekts von der Jugendinitiative Triestingtal (JIT, PP9) umgesetzt wurde. Diese Methode wurde mit Jugendlichen im schulischen Kontext, aber auch in der Jugendberatungsstelle und in der Straßenarbeit mit unterschiedlichen Gruppengrößen durchgeführt. Es nahmen Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren teil. Die Übung diente der Vertiefung des Themas und als Aufhänger für die Diskussion über Stressbewältigung in der Praxis. Bei den Workshops waren stets mindestens zwei Moderato:innen anwesend, die die Methode gemeinsam leiteten.
Theoretischer Hintergrund
Der Wut-Stress-Parcours bietet Jugendlichen eine seltene Gelegenheit, Frustration, Druck und Konflikte in einem sicheren, strukturierten Rahmen zu erleben. Dies ist für die psychische Gesundheit auf mehreren Ebenen von Bedeutung. Wut wird oft fälschlicherweise als ein Problem angesehen, das beseitigt werden muss. Aus Sicht der psychischen Gesundheit ist sie jedoch ein Signal – das auf unerfüllte Bedürfnisse oder empfundene Ohnmacht hinweist. Ein Parcours schafft Raum, um Wut ohne schädliche Folgen zu erleben, und unterstützt so den Übergang von reaktiver Entladung zu reflektierter Reaktion. Da Stress und Wut in erster Linie körperliche Erfahrungen sind, ist die körperliche Herausforderung nicht nebensächlich, sondern zentral. Regulierung muss über den Körper gelernt werden, nicht nur über den Verstand. Schließlich ist die soziale Dimension entscheidend. Wie Gleichaltrige auf die Frustration oder das Scheitern anderer Jugendlicher reagieren, bestimmt, ob diese Erfahrung integrativ oder beschämend wird. Ein gut moderierter Parcours macht die Gruppe zu einer Ressource statt zu einem zusätzlichen Stressfaktor – und in der anschließenden angeleiteten Reflexion findet das Lernen in Bezug auf die psychische Gesundheit tatsächlich statt.
Zielgruppe
- Alter: ab 12 Jahren
- Profil: alle Arten von Jugendlichen
- Kontext: nicht-formale oder formale Bildung, jedoch maximal 20 Personen.
Anwendungsbereich
Ort: Schule, NGO, Jugendzentren, Gemeindezentren usw. Es sollte ausreichend Platz für Bewegung vorhanden sein.
Behandelte Kompetenzbereiche und Dimensionen:
- Sozio-emotionale Kompetenzen: Empathie und Verständnis für Stress- und Wutmechanismen
- Beziehungsfähigkeiten: offene Kommunikation, Abbau von Vorurteilen
- Selbstregulierungsfähigkeiten: emotionale Selbstregulierung
- Bewusstseinskompetenzen: Bewusstsein für die eigenen Emotionen und Möglichkeiten, diese zu regulieren.
Beschreibung der Aktivität – Schritt für Schritt
Schritt 1: Einführung
Dauer: 5 Minuten
Ablauf: Beginnen Sie den Workshop mit einer Brainstorming-Runde, in der Sie Momentaufnahmen festhalten, um folgende Fragen zu beantworten: „In welchen Situationen erlebe ich Stress, bin ich wütend?“ Variante, falls genügend Zeit vorhanden ist: Es werden im Voraus Karten vorbereitet, die symbolische Bilder oder Stresssituationen zeigen. Die Teilnehmenden können eine Karte auswählen und diese kurz mit einer Erklärung präsentieren, warum sie das Bild oder den Text gewählt haben, um das Thema einzuleiten.
Tabelle 1. Maßnahmen – Schritt 1.
| Maßnahmen der Moderation | Handlungen der Teilnehmenden |
|---|---|
| Laden Sie die Teilnehmer:innen ein, darüber nachzudenken, in welchen Situationen sie gestresst oder wütend sind. | Darüber nachdenken, wann, wie und warum sie gestresst und wütend sind, wobei sie insbesondere die Situation bzw. den Kontext betrachten. |
| (Optional) Bitten Sie die Teilnehmenden, eine Karte auszuwählen, die für sie Situationen von Stress oder Wut symbolisiert, und zu erklären, warum sie diese gewählt haben. |
Reflexion:
Diese Übung hilft den Teilnehmenden, Situationen zu identifizieren, die Stress oder Wut auslösen, und über die ursächlichen Mechanismen nachzudenken.
Schritt 2: „Parcours“
Dauer: 30 Minuten
Ablauf: Der „Parcours“ ist der Hauptteil des Workshops und gliedert sich in verschiedene Runden, in denen die Teilnehmenden verschiedene Übungen selbst ausprobieren. Alle Teilnehmenden sollten die Möglichkeit haben, jede Übung auszuprobieren, die von geringer bis hoher Intensität an Emotionen und Bewegung reicht. So können sie Alternativen für das Reagieren in Stresssituationen kennenlernen oder ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern. Nach jeder Runde, in der eine Übung ausprobiert wurde, wird eine Reflexionsrunde angeregt, in der die Jugendlichen beschreiben können, wie sie sich dabei gefühlt haben, und auch kleine individuelle Verbesserungen und Anpassungen an den einzelnen Übungen besprechen können. Damit diese Aktivität gelingt und die Teilnehmenden zur Teilnahme motiviert werden, muss die/der Moderator:in eine offene und anregende, aber auch vertrauensvolle Atmosphäre schaffen.
Übungsmöglichkeiten für den Parcours:
- Rückwärtszählen: Die Teilnehmer:innen zählen im Kopf von 10 bis 0 rückwärts
- Atemübung: Die Teilnehmer:innen atmen 4 Sekunden lang ein, halten den Atem 4 Sekunden lang an, atmen 4 Sekunden lang aus, halten den Atem 4 Sekunden lang an und so weiter (die Sekunden können je nach individuellem Lungenvolumen angepasst werden, es wird empfohlen, mit einer kurzen Dauer zu beginnen)
- Tanzen: Die Teilnehmer:innen tanzen gemeinsam zu einem Lied (zum Beispiel George Harrison „What is Life“) https://www.youtube.com/watch?v=fiH9edd25Bc
- Anti-Stress-Bälle: Die Teilnehmer:innen verwenden ihre Hände und drücken Anti-Stress-Bälle zusammen; alternativ können auch Geschirrtücher „gezogen“ werden (dabei werden sie verdreht und dann an den Enden auseinandergezogen; das Ziel ist es, die körperliche Anspannung zu maximieren, die anschließend wieder abgelassen wird; dies funktioniert mit fast jedem Stoff)
- Schreien: Die Teilnehmer:innen lassen ihrer Energie freien Lauf, indem sie schreien; je nach Ort und Zusammensetzung des Workshops können sie entweder alle 10 Sekunden gemeinsam laut schreien oder leise in ein Kissen/Tuch/einen Pullover schreien
- Schlagen: Die Teilnehmer:innen können auf ein geeignetes Medium schlagen (mit Watte gefüllter Kartoffelsack, Boxsack).
Tabelle 2. Aktionen – Schritt 2.
| Handlungen der Moderation | Handlungen der Teilnehmenden |
|---|---|
Erläutern Sie der gesamten Gruppe jede Übungsoption. | Für jede Runde eine andere Übung auswählen. |
Bitten Sie die Teilnehmer:innen, jeweils eine andere Übung auszuwählen, die sie alleine durchführen. Sie können auch in jeder Runde dieselbe Übung wählen. | Gemeinsames Reflektieren, wie man sich bei jeder Übung gefühlt hat und wie sich Stress- oder Wutgefühle verändert haben. |
| Geben Sie den Start der Runde bekannt. | |
Geben Sie das Ende der Runde bekannt und fragen Sie die Teilnehmer:innen, wie sie sich nach dem Ausprobieren der Übung fühlen. | |
Bitten Sie die Teilnehmer:innen, die Übung zu wechseln und eine neue Runde zu beginnen. | |
| Wiederholen Sie so viele Runden, dass jede:r Teilnehmer:in alle verschiedenen Übungen ausprobieren kann. |
Reflexion: Diese Übung gibt den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich einzubringen, verbessert ihre Fähigkeit, sich die Optionen zu merken, und verdeutlicht den individuellen Nutzen und die Anwendbarkeit für die Jugendlichen.
Schritt 3: Nachbesprechung und Auswertung (falls erforderlich):
Dauer: 10 Minuten
Ablauf: Nach Abschluss des Parcours kann bei Bedarf eine Gelegenheit zur Reflexion geschaffen werden, in der die Jugendlichen erzählen können, wie sie die Aktivität empfunden haben, welche weiteren Möglichkeiten zum Umgang mit Wut/Stress sie gelernt haben und welche weiteren Möglichkeiten sie kennen. Diese Reflexion sollte möglichst in einer sicheren, stressfreien Umgebung stattfinden, in der von den Teilnehmer:innen keine „richtigen“ Antworten erwartet werden. Die/der Moderator:in kann am Ende des Workshops zusätzliche Optionen anbieten (die Optionen können je nach Bedarf erweitert werden):
- Die Situation verlassen, wenn die Teilnehmer:innen Ruhe und Erholung brauchen
- Machen Sie einen Spaziergang, idealerweise in der Natur. Allein oder zu zweit und in Stille oder im Gespräch, je nach individuellen Bedürfnissen. Dies ermöglicht Erholung und weitere emotionale Regulierung nach der intensiven Aktivität.
Die/der Moderator:in betont, dass jede:r unterschiedliche Strategien hat, um mit Stress und Wut umzugehen, aber auch, dass Strategien erlernt werden können, um sich in überwältigenden Situationen zu regulieren.
Tabelle 3. Maßnahmen – Schritt 3.
| Maßnahmen der Moderation | Handlungen der Teilnehmenden |
|---|---|
| Laden Sie die Teilnehmenden ein, darüber nachzudenken und zu erzählen, wie sie sich während und nach dem Parcours gefühlt haben. | Reflexion der Erfahrung. |
| Folgende Fragen können die Reflexion anregen: Wie hast du dich während des Parcours gefühlt? Hat sich das geändert, als du die Übung gewechselt hast? Wie hat sich die Übung auf deinen Stress/deine Wut ausgewirkt? | |
| Bieten Sie je nach individuellen Bedürfnissen verschiedene Optionen an. |
Reflexion: Dieser Schritt hilft den Teilnehmenden, die körperliche Erfahrung auf kognitiver und emotionaler Ebene zu verarbeiten. Die Teilnehmenden können erkennen, dass Wut und Stress normale, bewältigbare Reaktionen sind und keine Anzeichen von Schwäche oder Kontrollverlust. Zudem sendet ihr Körper Frühwarnsignale aus, die erkannt und als Anhaltspunkte für die Selbstregulierung genutzt werden können; ihre Reaktionen unter Druck offenbaren persönliche Muster – und dass sich diese Muster ändern können. Reflexion ist selbst eine Fähigkeit: Die Fähigkeit, innezuhalten, eine intensive Erfahrung zu benennen und ihr einen Sinn zu geben, ist etwas, das erlernt und gestärkt werden kann.
Benötigte Materialien:
Stressbälle (oder Geschirrtücher); Musik; Kissen / Handtücher; mit Watte gefüllter Kartoffelsack (oder etwas Ähnliches).
Mögliche Anpassungen:
Nicht jede Variante eignet sich für jede Situation und nicht jede Variante eignet sich für jede Person. Die Jugendlichen sollen auf niederschwellige Weise geeignete Methoden kennenlernen, darüber reflektieren und gemeinsam über Alternativen und Möglichkeiten in Situationen sprechen, die bei ihnen ein hohes Maß an Stress und Wut auslösen. Variante, Ergänzungen zur Visualisierung der Möglichkeiten, wenn genügend Zeit vorhanden ist, zum Beispiel im Rahmen eines Schulworkshops: Klaviermodell-Methode nach Gerald Koller. 30 Minuten. Im Klaviermodell symbolisieren die einzelnen Tasten des Klaviers verschiedene Möglichkeiten, die genutzt werden können, um herausfordernde Situationen und Gefühle zu bewältigen. Wenn ein:e Klavierspieler:in nur wenige Tasten nutzen kann, wird die Melodie zunehmend eintönig. Je vielfältiger die persönliche Klaviatur ist, desto mehr Optionen hat man, um alltägliche Herausforderungen zu meistern. Zur Erinnerung kann jede:r Jugendliche ein leeres Klavierblatt (Druckvorlage) mit den eigenen Möglichkeiten ausfüllen und so die Tasten gestalten. Am Ende können sie diese Möglichkeiten als Erinnerung an ihre persönlichen Möglichkeiten und Bewältigungsstrategien mitnehmen.
Während der Pilotaktivität beobachtete Reaktionen:
Die Moderator:innen berichteten, dass die Jugendlichen die Ideen begeistert aufnahmen und ausprobierten; in den Diskussionen äußerten sie auch, wo sie die neuen Methoden zum Umgang mit Wut anwenden wollten. Sie setzten sich spielerisch mit den Themen auseinander und hatten viel Spaß; in diesem Kontext fällt das Lernen leichter. Es fand ein Austausch (Lernen von anderen) darüber statt, was bereits ausprobiert worden war und was funktionierte oder nicht, was die Methoden vielleicht praktischer machte. Die Wut-Stress-Parcours wecken bei Jugendlichen ein enormes Verlangen, sich zu beteiligen, aber auch ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Es ließen sich auch Parallelen zu den Herausforderungen erkennen, mit denen junge Menschen zu kämpfen haben, und es entstand Empathie und Verständnis für die Situationen der Jugendlichen, die sich während des Workshops und der Übung öffneten.
Risiken und Warnhinweise:
- Bitte achten Sie auf (möglicherweise starke) aufkommende Gefühle in der Gruppe oder bei Einzelpersonen. Zwei Trainer:innen sollten die Methode erklären und anwesend sein.
- Zwingen Sie niemanden dazu, persönliche Erfahrungen zu teilen.
- Das Instrument befasst sich nicht mit Traumata, sondern konzentriert sich stattdessen auf die Bewusstseinsbildung.